Der deutsche Fotograf Stefan Falke lebt und arbeitet in New York City. Foto © Neil Beckermann

Mit seinem Projekt “La Frontera: Artists Along the US-Mexican Border” besucht der Fotograf Stefan Falke Künstlerinnen und Künstler auf beiden Seiten der 2000 Meilen langen US-mexikanischen Grenze und dokumentiert in seinen Fotografien die pulsierende, kulturelle Vielfalt der Region.

Wir freuen uns “La Frontera” von November bis Ende Januar im Hörsaalgebäude der Universität Leipzig ausstellen zu dürfen.

Um vor unserem Eröffnungsevent, am 29. November um 18:30, einen tieferen Einblick in das Projekt zu bekommen, haben wir dem Fotografen Stefan Falke in unserem “3-Question Interview” drei Fragen gestellt.


1) Sie arbeiten an Ihrem Projekt “La Frontera” seit einem Jahrzehnt. War Ihnen 2008 in Tijuana bewusst, welche Tragweite Ihr Projekt später haben wird?

Nein, das war mir (nicht ganz) bewusst, auch nicht, dass ich über die Jahre tatsächlich die gesamte Grenze auf beiden Seiten bereisen und so viele Künstler treffen und fotografieren würde. Mein Plan war anfangs sehr undefiniert. Die Stadt Tijuana hatte mich gleich in ihren Bann gezogen, trotz der damals vorherrschenden Gewalt und den vielen Entführungen dort. Mein Projekt entstand aus dem Glauben heraus, dass wenn wir lange genug nur Negatives über diese Grenzregion hören oder lesen, wir irgendwann keinen Wert mehr in der Region und den dort lebenden Menschen sehen werden und es ist uns egal sein wird, was mit ihr passiert. Wenn wir aber sehen, wie viel Kultur und Kulturschaffende es dort gibt, werden wir eventuell ein Interesse an der Grenzregion entwickeln. Ich verneine nicht die extremen Gewalttätigkeiten (meist im Zusammenhang mit Drogen und Menschenhandel) und viele andere Misstände an der Grenze, möchte aber aus oben genannten Gründen die Vorzüge und enormen Chancen dieser binationalen Region hervorheben.

Es gibt momentan ein großes Interesse an Geschichten von der Grenze, weil die jetzige amerikanische Regierung es versteht, die schwierige Migrationslage für sich zu politisieren. Die Situation war aber vor 10 Jahren auch schon schlecht und sie wird in naher Zukunft wohl auch nicht besser, egal wer in den USA regiert. Obama verdiente sich z.B. den Titel “Deportations-Präsident”, weil unter ihm extrem viele undokumentierte Einwanderer deportiert wurden.

Insofern gewinnt mein Projekt zur Zeit zwar mehr Beachtung, es war damals und ist mir auch jetzt allerdings bewusst, dass dieses Thema mit einem eventuellen Wechsel der Regierung nicht an Bedeutung verlieren wird.

 

2) Sie haben bereits 200 Künsterlinnen und Künstler an der mexikanischen Grenze fotografiert. Welche Begegnung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich möchte vermeiden, einzelne Künstler hervorzuheben, weil sie alle einen positiven Einfluss auf ihre Umgebung haben — bewusst oder unbewusst. Keiner ist in diesem Gefüge mehr oder weniger wichtig als der andere. Es geht mir auch nicht so sehr um individuelle Geschichten, sondern um das ganzheitliche Bild und die Vielfalt des Kulturschaffens dort. Ohne Kunst und Kultur wäre es schlecht um die Grenzregionen bestellt, sowie um die meisten Orte auf der Welt. Meiner Meinung nach haben Künstler generell den Finger auf dem Puls der Gesellschaft (speziell an der Grenze) und sind damit für sie von hohem gesellschaftlichem Wert.

 

3) Ihr Projekt hatte von Anfang an auch eine politische Dimension. Vor allem in den letzten Monaten wirkt Ihr Projekt jedoch wie ein Kommentar auf politische Debatten in Washington D.C. Wie glauben Sie hat sich Ihr Projekt in den letzten Jahren durch das politische Klima in den USA entwickelt?

Ich habe versucht so unpolitisch wie nur möglich an das Projekt heranzugehen—natürlich ist das kaum möglich. Ich wollte einfach möglichst viele Künstler fotografieren, auch um die enorme geografische Größe dieser Grenzregion (2000 Meilen lang) darzustellen. Nachdem ich nun mehr als 200 kulturschaffende Menschen fotografiert habe, macht das reine Erweitern meines Projektes keinen Sinn mehr. Es war mir wichtig, eine große Zahl an Portraits zu machen, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich wohl mein Ziel erreicht. Meine Botschaft wird sich durch die Erstellung einer noch größeren Anzahl an Portraits nicht mehr verbessern lassen. Darum gehe ich momentan sehr gezielt vor und porträtiere nur noch Künstler, deren Kunst sich thematisch mit der US-mexikanischen Grenze auseinandersetzt. Ich habe z.B. einen Künstler in die Wüste Arizonas begleitet, der an Orten Kreuze aufstellt an denen die sterblichen Überreste von illegalen Einwanderern gefunden wurden, welche nach dem Grenzübertritt verdurstet oder durch anderweitige Umstände ums Leben gekommen sind, bevor sie eine amerikanische Stadt erreicht haben. Oder die opernsingenden Damen der Gruppe Artistas Fronterizas, welche grenzüberschreitende Konzerte ausrichten, um binationale Einheit zu demonstrieren. Und der Fotograf, welcher hunderte von persönlichen Sachen gesammelt hat, die illegalen Einwanderern bei der Verhaftung von der Grenzpolizei abgenommen und auf den Müll geworfen werden. Die genannten Portraits sind in der jetzigen Ausstellung noch nicht vertreten, aber auf meiner Projektseite borderartists.com zu sehen.

Mein Projekt wird somit vielleicht auch politischer, aber das hat weniger mit der jetzigen politischen Lage zu tun, als damit, dass ich im Laufe meiner sehr vielen Reisen an verschiedene Abschnitte der Grenze einen besseren Überblick bekommen und dort sehr viele Freunde gewonnen habe, und mir nun Geschichten heraussuche, welche ich für die Ergänzung meines Projektes für sehr wichtig ansehe.

Die US-mexikanische Grenze hat eine umfangreiche und wichtige Geschichte und ich versuche sie mit einem neuen Fokus zu erzählen. Sie wird leider meiner Meinung nach an Aktualität so bald nicht verlieren, egal welches politische Klima (auf den beiden Seiten!) herrscht.